Das Vorurteil in Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel „Die Juden“
Einleitung
Gotthold Ephraim Lessings „Die Juden“ (Ein Lustspiel in einem Aufzug), entstanden 1749 und gedruckt erstmals 1754, wurde in der Forschung immer wieder unter drei Gesichtspunkten betrachtet: 1. „als Vorstufe“ zum Nathan, des „größeren, klassisch gewordenen Dramas der universalen Menschlichkeit“, 2. „als Respekt gebietendes Zeugnis eines frühen Eintretens für Toleranz und Juden-Emanzipation in Deutschland“ und 3. als „Resultat einer sehr ernsthaften Betrachtung über die schimpfliche Unterdrückung des Judenvolkes“ (Wilfried Barner: Lessings Die Juden im Zusammenhang seines Frühwerks. In: Humanität und Dialog/ Lessing und Mendelssohn in neuer Sicht. Wayne State University Press, 1982. S. 189.). Ich werde mich in meiner Betrachtung auf die beiden letzten Punkte beschränken und darlegen, inwiefern der damals erst zwanzigjährige Lessing das Vorurteil in seinem Werk verarbeitet hat. Mit Einbeziehung des historischen Hintergrundes werde ich auch kurz auf die Intention des Autors und die Reaktion des Publikums bzw. die Reaktion der Kritiker im Hinblick auf das Schauspiel und die Juden im Allgemeinen eingehen.
1. In welcher Weise tritt das Vorurteil in Lessings Die Juden in Erscheinung?
1.1 Kurze Inhaltsangabe
Das Lustspiel beginnt mit dem Streit zweier Männer, die sich darüber ärgern, dass ihr Überfall, den sie in Verkleidung auf ihren eigenen Dienstherrn, einen deutschen Baron, begingen, von einem Reisenden vereitelt worden war. Der Baron, der seine Dankbarkeit nicht genügend zum Ausdruck zu bringen weiß, lädt den Reisenden ein, als Gast auf seinen Gütern zu verweilen. Über den Reisenden, dessen Identität zunächst ein Geheimnis bleibt, weiß man nur, dass er wohlhabend und gebildet ist, da er sogar eine Reisebibliothek mit sich führt.
Der Baron ist fest davon überzeugt, dass der Überfall von Juden verübt worden war, weil die Diebe lange Bärte trugen. In dieser Meinung erhält er von seinen beiden ‚treuen’ Bediensteten volle Unterstützung, da sie schließlich den Verdacht von sich ablenken wollen. Die beiden Bediensteten Martin Krumm und Michel Stich sowie der Baron haben Vorurteile gegen Juden und bringen ihre jeweiligen Meinungen während des Dramas lautstark zum Ausdruck, welche der Reisende nicht teilen kann, da er „kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker“ (Gotthold Ephraim Lessing: Werke in drei Bänden, Band 1: Dichtungen. 3. Auflage. Artemis & Winkler Verlag. München 1994. S. 269) sei. Sogar Christoph, der Bedienstete des Reisenden, vertritt nicht die Meinung seines Herrn.
Die falschen Judenbärte, die dem ungeschickten Martin Krumm aus der Tasche fallen, können ihn noch nicht des Überfalls überführen. Erst die Tabaksdose, die er dem Reisenden entwendet hat und die auf kuriose Weise mehrmals den Besitzer wechselt und schließlich wieder bei dem Reisenden landet, führt zu der Verhaftung der beiden Kumpane. Der Baron bietet dem edlen Reisenden schließlich die Hand seiner Tochter an, die mit dieser Entscheidung sehr zufrieden ist. Erst jetzt lüftet der Reisende sein Geheimnis und gesteht, dass er Jude ist. Der Baron ist schockiert, doch die Dankbarkeit und Hochachtung für seinen neuen Freund bleibt. Statt einer Mischehe bietet er dem Reisenden sein gesamtes Vermögen als Ersatz für seine Tochter. „Ich will lieber arm und dankbar, als reich und undankbar sein“ (Lessing S. 290), erklärt der Baron. Auch dies Angebot schlägt der Jude aus. Er bittet den Baron lediglich, er möge von seinem „Volke“ in Zukunft „etwas gelinder und weniger allgemein urteilen“ (ebd).
Auch Christoph ist auf seine primitive Art empört darüber, dass er bisher unwissentlich für einen Juden gearbeitet hat. Trotzdem besinnt er sich und bleibt bei seinem Herrn, in dem doch einen edlen Menschen entdeckte.
1.2 Wie tritt das Vorurteil bei den Personen in Erscheinung?
Lessing lässt gleich in der zweiten Szene erkennen, wie tief das Vorurteil gegen Juden in Martin Krumm verwurzelt ist, indem er ihn sagen lässt, dass die Juden allesamt „Betrieger, Diebe und Straßenräuber“ seien. „Darum ist es auch ein Volk, das der liebe Gott verflucht hat. Ich dürfte nicht König sein: ich ließ keinen, keinen einzigen am Leben.“ (ebd., 2. Auftritt, S. 262.) Mit diesen Worten spricht Martin Krumm praktisch für alle kleinen Leute, den Pöbel, wenn man so will, deren „Beschränktheit“ z.B. durch „mangelnde Intelligenz“ (Wilfried Barner: Lessings Die Juden, S 197.) oder fehlende Bildung deutlich wird. Auch wenn er nicht von seinem Verbrechen ablenken wollte, ist dies seine feste Überzeugung, die durch viele Einflüsse immer wieder aufs neue bestärkt wird. Nicht nur durch den Umgang mit Gleichgesinnten, die seine Meinung teilen, sondern auch durch höhere Instanzen, in denen die Juden-Diskriminierung öffentlich propagiert und in der Bevölkerung gefestigt wird. Zum einen waren dies die Preußischen Gesetze, wovon das Verbot von Mischehen noch eines der harmloseren Gesetze war. Ohne Bürgerrechte und mit Zusatzsteuern belegt, führten die Juden ein schwieriges Dasein in ‘Deutschland’. Zum anderen predigten selbst die Pfarrer gegen die Juden. Martin Krumm zitiert seinen Pfarrer sogar, der „sehr weislich“ (Lessing: 2. Auftritt, S. 262.) daran erinnerte, dass selbst Gott die Juden hasse. Dies geht letztendlich auf das erste Juden-Vorurteil zurück, nämlich: ‘Alle Juden sind Christenmörder’.
Solche sogenannten All-Sätze: „alle Juden sind…“ werden schließlich zum „generalisierenden Kollektivsingular“ (Jürgen Stenzel: Idealisierung und Vorurteil/Zur Figur des ‘edlen Juden’ des 18. Jahrhunderts. In: Juden in der deutschen Literatur. Frankfurt am Main, 1986): ‘der Jude…’. Der Baron vertritt genau dieselbe Meinung wie der Pöbel, nur dass er sie etwas gelinder zum Ausdruck bringt. Er glaubt zweifellos, „Das Tückische, das Unwissenhafte, das Eigennützige, Betrug und Meineid“ (Lessing: 6. Auftritt, S. 269) in den Augen der Juden sehen zu können. Wenige Augenblicke später widerlegt er seine eigene Aussage, indem er dem Reisenden eine „aufrichtige, großmütige und gefällige Miene“ (ebd.) zuspricht. Mit dieser Aussage beweist er die Absurdität seiner eigenen Vorurteile, die er dem ganzen jüdischen Volk gegenüber hegt. Das einzige negative Erlebnis, das der Baron mit einem Juden erlebt hat, geht auf einen Wechsel zurück, den er einem Juden doppelt zurückzahlen musste. Immer noch erbost über dies Ärgernis generalisiert er, dass alle Juden habgierig und eigennützig sind (vgl. ebd.)
Als dem Baron nun offenbart wird, dass es sich bei seinem neuen Freund und Lebensretter um einen Juden handelt, stutzt er. Seine unerschütterliche Meinung über die Juden soll nicht richtig sein? Dieser reisende Jude ist genau das Gegenteil seines persänlichen Juden-Bildes. Dieser wohlhabende, gebildete und aufgeklärte Mann, der sich stets selbst beobachtet, um möglichst gerecht, umgänglich und höflich zu sein, beweist dem Baron eindeutig, dass es auch rechtschaffene und aufrichtige Juden gibt.
Nun geschieht jedoch nicht, was man eigentlich erwarten würde. Der Baron gibt sein Vorurteil gegen die Juden nicht auf, sondern bezeichnet den Reisenden lediglich als Ausnahme. Seine letzten Worte, die er an den Reisenden richtet, lauten: „O wie achtungswürdig wären die Juden, wenn sie alle Ihnen glichen!“ (ebd., 22. Auftritt, S. 291) Der Baron erfährt somit nur eine teilweise Aufklärung. Er sieht zwar seinen Fehler ein und bereut ihn: „Ich schäme mich meines Verfahrens.“ (ebd., S. 290), trotzdem ersetzt er nur einen All-Satz durch einen anderen: wenn alle Juden dem Reisenden glichen, dann, nur dann gäbe er sein Vorurteil auf. Die Tatsache, dass der Jude vom Baron nicht als edler Vertreter seines Volkes, sondern als einmalige Ausnahme gesehen wird, muss den Reisenden verdießlich stimmen. Mit trauriger Ironie begibt er sich auf das Niveau des Barons und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als auf dessen Gleichung zu antworten: „Und wie liebenswürdig die Christen, wenn sie alle Ihre Eigenschaften besäßen!“ (ebd., S. 291)
Auch Christoph, der Diener des Juden, beweist am Ende sein pöbelhaftes Verhalten im Umgang mit dem Vorurteil. Erst plump beleidigend: „es gibt doch wohl auch Juden, die keine Juden sind. Sie sind ein braver Mann. Topp, ich bleibe bei Ihnen. Ein Christ hätte mir einen Fuß in die Rippen gegeben, und keine Dose!“ (ebd.) Diese schnelle Meinungsänderung zeigt, dass auch er diesen Juden nur als Ausnahme betrachtet. Die Juden sollten seiner Meinung nach weiterhin den Christen dienen. Nur für seinen Wohltäter macht er eine Ausnahme. Damit wagt er es, im Gegensatz zum Baron, die Judengestze zu missachten.
Die einzige völlig vorurteilsfreie Person des Lustspiels ist das Fräulein, die Tochter des Barons. Sie hat von Anfang an das Gute in dem Reisenden gesehen, und diesen Eindruck kann die Tatsache, dass er ein Jude ist, nicht erschüttern. Sie fragt nur: „Ei, was tut das?“ (ebd., S. 290), so, als würde sie fragen, warum Menschen überhaupt Unterschiede zwischen Juden und Christen machen. Ihre naive Gutgläubigkeit und Aufrichtigkeit verkörpert in dieser Welt der Vorurteile, in der sie lebt, die beste aller möglichen Lösungen, mit dem Problem umzugehen. Würden alle so denken wie sie, gäbe es keine Vorurteile.
1.3 Was wollte Lessing mit seinem Lustspiel erreichen?
Lessing wollte sicherlich dem Vorurteil gegen Juden entgegenwirken, seine Schlechtigkeit darstellen und es aus der Welt schaffen. Das war in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein schwieriges Unterfangen. Viele sprachen und sprechen heute noch von einem „Problemstück“ (Karl S. Guthke: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. In: Dramen vom Barock bis zur Aufklärung. Literaturstudium: Interpretationen. Stuttgart 2000. S. 282). Es hat durchaus Elemente eines Lustspiels, doch ein Pärchen, das nicht zusammenkommt sowie ein offener Schluss sind keine Anzeichen eines Lustspiels. Darüber hinaus hat es viele komische Elemente, wie die beiden ungeschickten Räuber und den temperamentvollen Diener des Juden, doch das Komische an ihnen ist nicht von der Art, wie es in Komödien üblich ist. Eigentlich steht der Jude im Mittelpunkt, doch über ihn gibt es nichts zu lachen. Genauso wenig kann man über das gesamte Drama lachen. Deswegen heißt das Stück auch nicht „Der Jude“ (Karl S. Guthke: Lessings Problemkomödie Die Juden. In: Wissen und Erfahrung. Festschrift für Hermann Meyer. Tübingen 1976. S. 124). Lessing wollte nicht den Kollektivsingular verwenden, der das Vorurteil darstellt. Indem er das Lustspiel Die Juden betitelt, steht sein einzelner Jude als Beispiel für das Judentum und ist nicht nur eine Ausnahme, als die ihn der Baron sieht.
Trotzdem erwartete das Publikum einen oder mehrere komische Juden, um sie zu verlachen und sich über sie lustig zu machen. Da Lessing den Theaterbesuchern nun einen edlen und einfühlsamen Juden präsentierte, fühlten sich viele vor den Kopf gestoßen. Lessings Jude war die „erste positive Judenfigur auf der deutschen Bühne“ (Wilfried Barner: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. In: Ein Text und ein Leser/Weltliteratur für Liebhaber. Göttingen 1994. S. 102.) überhaupt. Sein Jude war eher eine Figur „aus comedia larmoyante, der rührenden Komödie“ (Karl S. Guthke: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. S. 281). Bisher war das Vorurteil selbst das Komische an den Juden, jedenfalls für Nichtjuden. Da Lessings Jude nicht komisch ist, werden die Figuren um ihn herum komisch; und zwar durch ihre Unaufgeklärtheit. Lessing setzt sie sozusagen auf den Präsentierteller, indem er sie ihr Vorurteil verbreiten lässt und vor ihre Nase, ohne es zu wissen, einen Juden stellt, der genau das Gegenteil von dem verkörpert, was ihrer Meinung nach Juden sind. Nun spielt Lessing dem Publikum einen Streich, indem er den Juden sich erst am Ende des Dramas zu erkennen geben lässt. „Vorurteile über die Juden sind Voraussetzung der Handlung“ (Wilfried Barner: Lessings Die Juden im Zusammenhang seines Frühwerks. S. 190), welche Lessing bei den Menschen voraussetzte. Weil sich das Publikum mit dem edlen Reisenden und seinen guten Umgangsformen identifiziert, wird es automatisch mitschuldig (vgl. Karl S. Guthke: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. S. 280.) am Vorurteil, weil es sich am Ende vielleicht wieder von dem Reisenden abwendet, da es sich nicht mit einem Juden identifizieren will. Dies wäre allerdings gegen die Intention des Stückes.
Wenn man das Drama sieht oder liest und sagt, dass dieser Jude zu unwahrscheinlich dargestellt ist, so hat Lessing selber eine schlagfertige Entgegnung parat:
„Besteht man aber darauf, daß Reichtum, bessere Erfahrung, und ein aufgeklärter Verstand nur bei einem Juden keine Wirkung haben könnten; so muß ich sagen, daß dieses eben das Vorurteil ist, welches ich durch mein Lustspiel zu schwächen gesucht habe; ein Vorurteil, das nur aus Stolz oder Haß fließen kann, und die Juden nicht bloß zu rohen Menschen macht, sondern sie in der Tat weit unter die Menschheit setzt.“ (Gotthold Ephraim Lessing: Über das Lustspiel Die Juden, Im vierten Teil der Lessingschen Schriften. Werke und Briefe in zwölf Bänden. Band 1. Frankfurt am Main 1989. S. 491.)
Vorurteile entstehen aus Angst und Unsicherheit dem Fremden gegenüber oder allem, was in irgend einer Weise anders ist. Wenn nun das ganze Volk der Juden „gesetzliche Gleichstellung“ (Karl S. Guthke: Gotthold Ephraim Lessings: Die Juden. S. 286.) erfahren würde, sie zu mehr Wohlstand und daraus resultierend zu mehr Bildung gelangen könnten, würde das Vorurteil an Kraft verlieren und wahrscheinlich irgendwann ganz verschwinden. Diese ‘Wunschvorstellung’ hat Lessing vertreten und mit seinem Lustspiel Die Juden deutlich gemacht.
Schluss
Lessings Luspiel in einem Akt über das Vorurteil gegen die Juden hat bis heute für die jüdische Bevölkerung eine sehr große Bedeutung. Es geht in diesem Stück nicht um „religiöse Inhalte“ (Wilfried Barner: Lessings Die Juden im Zusammenhang seines Frühwerks. S. 192.), sondern um die Emanzipation der Juden. Auch die spätere Lockerung der Judengesetze konnte die Vorurteile nicht beseitigen, sodass es 190 Jahre später zur Eskalation gekommen ist.
Vorurteile führen immer zu „Aggressivität, Rachelust, Mordlust“ (ebd. S. 195.), welche sogar in Pogromen ausarten können, wie es im Dritten Reich geschehen ist. Lessing war dies schon mit 20 Jahren bewusst, und er ist für viele heute der angesehenste deutsche Aufklärer und Schriftsteller. Antisemiten bezeichnen ihn als „Halbjude und Judengenosse“ (Wilfried Barner, Hrsg. u.a.: Lessing: Epoche, Werk, Dichtung. München 1977. S. 369.), doch seine Verdienste um die Judenemanzipation werden bis heute höher geschätzt als jede schlechte und ungerechtfertigte Kritik an seinem Tun und Handeln.
Lessings Die Juden haben mich persönlich sehr angesprochen und zum Nachdenken gebracht. Deshalb habe ich sie auch für diese Arbeit ausgewählt. Ich halte dieses Lustspiel für ein zeitloses Beispiel dafür, wie Vorurteile entstehen, wirken und wie schwierig sie aus der Welt zu schaffen sind. Es ist erstaunlich und erschreckend zugleich, dass es in 250 Jahren nicht an Aktualität verloren hat.
Feuerfeder, 2002