Feuerfeder

Ein Blog steht in Flammen

Diskussionen & Kommentare

Hallo, liebe Leser.
Leider muss ich Euch mitteilen, dass der Kommentarteil endgültig gesperrt ist. Ich habe es mit jeder erdenklichen Einstellung versucht, aber trotzdem wurde die Seite zeitweise extrem zugemüllt. Das ich keine Lust mehr habe, täglich bis zu 160 Spams und Werbe-Kommentare einzeln zu löschen, werden die Meisten von Euch verstehen. Vielen Dank an meine Fans, die mir aus der ganzen Welt überwiegend positive Kritiken geschickt haben. Für Euch tut es mir besonders leid. Wer in Zukunft etwas zu meinen Artikeln zu sagen hat, kann dies gerne bei Facebook tun. Dort sind auch Diskussionen sehr viel unproblematischer. Weiterhin viel Spaß beim Lesen.
Eure Feuerfeder.

Italienische Reise

Die Reisebeschreibungen von Johann Wolgang Goethe’s Italienaufenthalt von 1786 bis 1788 gehören zweifellos zur Weltliteratur. Detailiierte Ausführungen über das Land, die Natur, aber vor allem über die Kunst sowie die Korrespondenz, die er aus Italien mit seinen Freunden führte, machen seine Reisebeschreibungen überaus vielfältig.
Für Laien lesen sich die theoretischen und technischen Kunst-Betrachtungen jedoch ziemlich zäh, sodass auf langen Strecken des Buches Langeweile entsteht, die es erschwert, interessiert weiterzulesen. Erkundungen, wie z.B. auf den Vesuv und in dessen Krater, in dem Goethe fast sein Leben ließ, und die Schiffsreisen beleben die rund 550 Seiten lange Reisebeschreibung. Unvergleichlich ist natürlich beim zweiten römischen Aufenthalt die exakte Beschreibung des Römischen Karnevals. Die Erzählung einer Begegnung mit zwei charmanten Damen lässt er aber unvollendet.
Goethe beleuchtet ein Kunstwerk in den meisten Fällen ausführlich von allen Seiten, um dessen Vorzüge und Nachteile herauszustellen, aber wenn ihm etwas nicht gefällt, belässt er es oft bei einer kurzen vernichtenden Kritik, die die Leser wohl oder übel mit ihm teilen müssen. Manchmal erwähnt er nur, dass er am Abend in einer schlechten Oper gewesen sei. Das war dann alles, was er darüber zu sagen hatte. Ich komme nicht umhin, diesen Charakterzug des Dichterfürsten als arrogant zu werten. Seine Aussage gegen Ende des Berichts, dass er wohl doch eher zum Schriftsteller tauge, ist hingegen sehr ehrlich. Auch wenn er in Italien viel an seinen schriftstellerischen Werken gearbeitet und einige vollendet hat, so übte er sich doch bis zum letzten Tag seines Aufenthaltes in der Malerei.

Feuerfeder, 11. Januar 2012

Die Juden

Das Vorurteil in Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel „Die Juden“

Einleitung
Gotthold Ephraim Lessings „Die Juden“ (Ein Lustspiel in einem Aufzug), entstanden 1749 und gedruckt erstmals 1754, wurde in der Forschung immer wieder unter drei Gesichtspunkten betrachtet: 1. „als Vorstufe“ zum Nathan, des „größeren, klassisch gewordenen Dramas der universalen Menschlichkeit“, 2. „als Respekt gebietendes Zeugnis eines frühen Eintretens für Toleranz und Juden-Emanzipation in Deutschland“ und 3. als „Resultat einer sehr ernsthaften Betrachtung über die schimpfliche Unterdrückung des Judenvolkes“ (Wilfried Barner: Lessings Die Juden im Zusammenhang seines Frühwerks. In: Humanität und Dialog/ Lessing und Mendelssohn in neuer Sicht. Wayne State University Press, 1982. S. 189.). Ich werde mich in meiner Betrachtung auf die beiden letzten Punkte beschränken und darlegen, inwiefern der damals erst zwanzigjährige Lessing das Vorurteil in seinem Werk verarbeitet hat. Mit Einbeziehung des historischen Hintergrundes werde ich auch kurz auf die Intention des Autors und die Reaktion des Publikums bzw. die Reaktion der Kritiker im Hinblick auf das Schauspiel und die Juden im Allgemeinen eingehen.

1. In welcher Weise tritt das Vorurteil in Lessings Die Juden in Erscheinung?
1.1 Kurze Inhaltsangabe
Das Lustspiel beginnt mit dem Streit zweier Männer, die sich darüber ärgern, dass ihr Überfall, den sie in Verkleidung auf ihren eigenen Dienstherrn, einen deutschen Baron, begingen, von einem Reisenden vereitelt worden war. Der Baron, der seine Dankbarkeit nicht genügend zum Ausdruck zu bringen weiß, lädt den Reisenden ein, als Gast auf seinen Gütern zu verweilen. Über den Reisenden, dessen Identität zunächst ein Geheimnis bleibt, weiß man nur, dass er wohlhabend und gebildet ist, da er sogar eine Reisebibliothek mit sich führt.
Der Baron ist fest davon überzeugt, dass der Überfall von Juden verübt worden war, weil die Diebe lange Bärte trugen. In dieser Meinung erhält er von seinen beiden ‚treuen’ Bediensteten volle Unterstützung, da sie schließlich den Verdacht von sich ablenken wollen. Die beiden Bediensteten Martin Krumm und Michel Stich sowie der Baron haben Vorurteile gegen Juden und bringen ihre jeweiligen Meinungen während des Dramas lautstark zum Ausdruck, welche der Reisende nicht teilen kann, da er „kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker“ (Gotthold Ephraim Lessing: Werke in drei Bänden, Band 1: Dichtungen. 3. Auflage. Artemis & Winkler Verlag. München 1994. S. 269) sei. Sogar Christoph, der Bedienstete des Reisenden, vertritt nicht die Meinung seines Herrn.
Die falschen Judenbärte, die dem ungeschickten Martin Krumm aus der Tasche fallen, können ihn noch nicht des Überfalls überführen. Erst die Tabaksdose, die er dem Reisenden entwendet hat und die auf kuriose Weise mehrmals den Besitzer wechselt und schließlich wieder bei dem Reisenden landet, führt zu der Verhaftung der beiden Kumpane. Der Baron bietet dem edlen Reisenden schließlich die Hand seiner Tochter an, die mit dieser Entscheidung sehr zufrieden ist. Erst jetzt lüftet der Reisende sein Geheimnis und gesteht, dass er Jude ist. Der Baron ist schockiert, doch die Dankbarkeit und Hochachtung für seinen neuen Freund bleibt. Statt einer Mischehe bietet er dem Reisenden sein gesamtes Vermögen als Ersatz für seine Tochter. „Ich will lieber arm und dankbar, als reich und undankbar sein“ (Lessing S. 290), erklärt der Baron. Auch dies Angebot schlägt der Jude aus. Er bittet den Baron lediglich, er möge von seinem „Volke“ in Zukunft „etwas gelinder und weniger allgemein urteilen“ (ebd).
Auch Christoph ist auf seine primitive Art empört darüber, dass er bisher unwissentlich für einen Juden gearbeitet hat. Trotzdem besinnt er sich und bleibt bei seinem Herrn, in dem doch einen edlen Menschen entdeckte.

1.2 Wie tritt das Vorurteil bei den Personen in Erscheinung?
Lessing lässt gleich in der zweiten Szene erkennen, wie tief das Vorurteil gegen Juden in Martin Krumm verwurzelt ist, indem er ihn sagen lässt, dass die Juden allesamt „Betrieger, Diebe und Straßenräuber“ seien. „Darum ist es auch ein Volk, das der liebe Gott verflucht hat. Ich dürfte nicht König sein: ich ließ keinen, keinen einzigen am Leben.“ (ebd., 2. Auftritt, S. 262.) Mit diesen Worten spricht Martin Krumm praktisch für alle kleinen Leute, den Pöbel, wenn man so will, deren „Beschränktheit“ z.B. durch „mangelnde Intelligenz“ (Wilfried Barner: Lessings Die Juden, S 197.) oder fehlende Bildung deutlich wird. Auch wenn er nicht von seinem Verbrechen ablenken wollte, ist dies seine feste Überzeugung, die durch viele Einflüsse immer wieder aufs neue bestärkt wird. Nicht nur durch den Umgang mit Gleichgesinnten, die seine Meinung teilen, sondern auch durch höhere Instanzen, in denen die Juden-Diskriminierung öffentlich propagiert und in der Bevölkerung gefestigt wird. Zum einen waren dies die Preußischen Gesetze, wovon das Verbot von Mischehen noch eines der harmloseren Gesetze war. Ohne Bürgerrechte und mit Zusatzsteuern belegt, führten die Juden ein schwieriges Dasein in ‘Deutschland’. Zum anderen predigten selbst die Pfarrer gegen die Juden. Martin Krumm zitiert seinen Pfarrer sogar, der „sehr weislich“ (Lessing: 2. Auftritt, S. 262.) daran erinnerte, dass selbst Gott die Juden hasse. Dies geht letztendlich auf das erste Juden-Vorurteil zurück, nämlich: ‘Alle Juden sind Christenmörder’.
Solche sogenannten All-Sätze: „alle Juden sind…“ werden schließlich zum „generalisierenden Kollektivsingular“ (Jürgen Stenzel: Idealisierung und Vorurteil/Zur Figur des ‘edlen Juden’ des 18. Jahrhunderts. In: Juden in der deutschen Literatur. Frankfurt am Main, 1986): ‘der Jude…’. Der Baron vertritt genau dieselbe Meinung wie der Pöbel, nur dass er sie etwas gelinder zum Ausdruck bringt. Er glaubt zweifellos, „Das Tückische, das Unwissenhafte, das Eigennützige, Betrug und Meineid“ (Lessing: 6. Auftritt, S. 269) in den Augen der Juden sehen zu können. Wenige Augenblicke später widerlegt er seine eigene Aussage, indem er dem Reisenden eine „aufrichtige, großmütige und gefällige Miene“ (ebd.) zuspricht. Mit dieser Aussage beweist er die Absurdität seiner eigenen Vorurteile, die er dem ganzen jüdischen Volk gegenüber hegt. Das einzige negative Erlebnis, das der Baron mit einem Juden erlebt hat, geht auf einen Wechsel zurück, den er einem Juden doppelt zurückzahlen musste. Immer noch erbost über dies Ärgernis generalisiert er, dass alle Juden habgierig und eigennützig sind (vgl. ebd.)
Als dem Baron nun offenbart wird, dass es sich bei seinem neuen Freund und Lebensretter um einen Juden handelt, stutzt er. Seine unerschütterliche Meinung über die Juden soll nicht richtig sein? Dieser reisende Jude ist genau das Gegenteil seines persänlichen Juden-Bildes. Dieser wohlhabende, gebildete und aufgeklärte Mann, der sich stets selbst beobachtet, um möglichst gerecht, umgänglich und höflich zu sein, beweist dem Baron eindeutig, dass es auch rechtschaffene und aufrichtige Juden gibt.
Nun geschieht jedoch nicht, was man eigentlich erwarten würde. Der Baron gibt sein Vorurteil gegen die Juden nicht auf, sondern bezeichnet den Reisenden lediglich als Ausnahme. Seine letzten Worte, die er an den Reisenden richtet, lauten: „O wie achtungswürdig wären die Juden, wenn sie alle Ihnen glichen!“ (ebd., 22. Auftritt, S. 291) Der Baron erfährt somit nur eine teilweise Aufklärung. Er sieht zwar seinen Fehler ein und bereut ihn: „Ich schäme mich meines Verfahrens.“ (ebd., S. 290), trotzdem ersetzt er nur einen All-Satz durch einen anderen: wenn alle Juden dem Reisenden glichen, dann, nur dann gäbe er sein Vorurteil auf. Die Tatsache, dass der Jude vom Baron nicht als edler Vertreter seines Volkes, sondern als einmalige Ausnahme gesehen wird, muss den Reisenden verdießlich stimmen. Mit trauriger Ironie begibt er sich auf das Niveau des Barons und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als auf dessen Gleichung zu antworten: „Und wie liebenswürdig die Christen, wenn sie alle Ihre Eigenschaften besäßen!“ (ebd., S. 291)
Auch Christoph, der Diener des Juden, beweist am Ende sein pöbelhaftes Verhalten im Umgang mit dem Vorurteil. Erst plump beleidigend: „es gibt doch wohl auch Juden, die keine Juden sind. Sie sind ein braver Mann. Topp, ich bleibe bei Ihnen. Ein Christ hätte mir einen Fuß in die Rippen gegeben, und keine Dose!“ (ebd.) Diese schnelle Meinungsänderung zeigt, dass auch er diesen Juden nur als Ausnahme betrachtet. Die Juden sollten seiner Meinung nach weiterhin den Christen dienen. Nur für seinen Wohltäter macht er eine Ausnahme. Damit wagt er es, im Gegensatz zum Baron, die Judengestze zu missachten.
Die einzige völlig vorurteilsfreie Person des Lustspiels ist das Fräulein, die Tochter des Barons. Sie hat von Anfang an das Gute in dem Reisenden gesehen, und diesen Eindruck kann die Tatsache, dass er ein Jude ist, nicht erschüttern. Sie fragt nur: „Ei, was tut das?“ (ebd., S. 290), so, als würde sie fragen, warum Menschen überhaupt Unterschiede zwischen Juden und Christen machen. Ihre naive Gutgläubigkeit und Aufrichtigkeit verkörpert in dieser Welt der Vorurteile, in der sie lebt, die beste aller möglichen Lösungen, mit dem Problem umzugehen. Würden alle so denken wie sie, gäbe es keine Vorurteile.

1.3 Was wollte Lessing mit seinem Lustspiel erreichen?
Lessing wollte sicherlich dem Vorurteil gegen Juden entgegenwirken, seine Schlechtigkeit darstellen und es aus der Welt schaffen. Das war in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein schwieriges Unterfangen. Viele sprachen und sprechen heute noch von einem „Problemstück“ (Karl S. Guthke: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. In: Dramen vom Barock bis zur Aufklärung. Literaturstudium: Interpretationen. Stuttgart 2000. S. 282). Es hat durchaus Elemente eines Lustspiels, doch ein Pärchen, das nicht zusammenkommt sowie ein offener Schluss sind keine Anzeichen eines Lustspiels. Darüber hinaus hat es viele komische Elemente, wie die beiden ungeschickten Räuber und den temperamentvollen Diener des Juden, doch das Komische an ihnen ist nicht von der Art, wie es in Komödien üblich ist. Eigentlich steht der Jude im Mittelpunkt, doch über ihn gibt es nichts zu lachen. Genauso wenig kann man über das gesamte Drama lachen. Deswegen heißt das Stück auch nicht „Der Jude“ (Karl S. Guthke: Lessings Problemkomödie Die Juden. In: Wissen und Erfahrung. Festschrift für Hermann Meyer. Tübingen 1976. S. 124). Lessing wollte nicht den Kollektivsingular verwenden, der das Vorurteil darstellt. Indem er das Lustspiel Die Juden betitelt, steht sein einzelner Jude als Beispiel für das Judentum und ist nicht nur eine Ausnahme, als die ihn der Baron sieht.
Trotzdem erwartete das Publikum einen oder mehrere komische Juden, um sie zu verlachen und sich über sie lustig zu machen. Da Lessing den Theaterbesuchern nun einen edlen und einfühlsamen Juden präsentierte, fühlten sich viele vor den Kopf gestoßen. Lessings Jude war die „erste positive Judenfigur auf der deutschen Bühne“ (Wilfried Barner: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. In: Ein Text und ein Leser/Weltliteratur für Liebhaber. Göttingen 1994. S. 102.) überhaupt. Sein Jude war eher eine Figur „aus comedia larmoyante, der rührenden Komödie“ (Karl S. Guthke: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. S. 281). Bisher war das Vorurteil selbst das Komische an den Juden, jedenfalls für Nichtjuden. Da Lessings Jude nicht komisch ist, werden die Figuren um ihn herum komisch; und zwar durch ihre Unaufgeklärtheit. Lessing setzt sie sozusagen auf den Präsentierteller, indem er sie ihr Vorurteil verbreiten lässt und vor ihre Nase, ohne es zu wissen, einen Juden stellt, der genau das Gegenteil von dem verkörpert, was ihrer Meinung nach Juden sind. Nun spielt Lessing dem Publikum einen Streich, indem er den Juden sich erst am Ende des Dramas zu erkennen geben lässt. „Vorurteile über die Juden sind Voraussetzung der Handlung“ (Wilfried Barner: Lessings Die Juden im Zusammenhang seines Frühwerks. S. 190), welche Lessing bei den Menschen voraussetzte. Weil sich das Publikum mit dem edlen Reisenden und seinen guten Umgangsformen identifiziert, wird es automatisch mitschuldig (vgl. Karl S. Guthke: Gotthold Ephraim Lessing: Die Juden. S. 280.) am Vorurteil, weil es sich am Ende vielleicht wieder von dem Reisenden abwendet, da es sich nicht mit einem Juden identifizieren will. Dies wäre allerdings gegen die Intention des Stückes.
Wenn man das Drama sieht oder liest und sagt, dass dieser Jude zu unwahrscheinlich dargestellt ist, so hat Lessing selber eine schlagfertige Entgegnung parat:
„Besteht man aber darauf, daß Reichtum, bessere Erfahrung, und ein aufgeklärter Verstand nur bei einem Juden keine Wirkung haben könnten; so muß ich sagen, daß dieses eben das Vorurteil ist, welches ich durch mein Lustspiel zu schwächen gesucht habe; ein Vorurteil, das nur aus Stolz oder Haß fließen kann, und die Juden nicht bloß zu rohen Menschen macht, sondern sie in der Tat weit unter die Menschheit setzt.“ (Gotthold Ephraim Lessing: Über das Lustspiel Die Juden, Im vierten Teil der Lessingschen Schriften. Werke und Briefe in zwölf Bänden. Band 1. Frankfurt am Main 1989. S. 491.)
Vorurteile entstehen aus Angst und Unsicherheit dem Fremden gegenüber oder allem, was in irgend einer Weise anders ist. Wenn nun das ganze Volk der Juden „gesetzliche Gleichstellung“ (Karl S. Guthke: Gotthold Ephraim Lessings: Die Juden. S. 286.) erfahren würde, sie zu mehr Wohlstand und daraus resultierend zu mehr Bildung gelangen könnten, würde das Vorurteil an Kraft verlieren und wahrscheinlich irgendwann ganz verschwinden. Diese ‘Wunschvorstellung’ hat Lessing vertreten und mit seinem Lustspiel Die Juden deutlich gemacht.

Schluss
Lessings Luspiel in einem Akt über das Vorurteil gegen die Juden hat bis heute für die jüdische Bevölkerung eine sehr große Bedeutung. Es geht in diesem Stück nicht um „religiöse Inhalte“ (Wilfried Barner: Lessings Die Juden im Zusammenhang seines Frühwerks. S. 192.), sondern um die Emanzipation der Juden. Auch die spätere Lockerung der Judengesetze konnte die Vorurteile nicht beseitigen, sodass es 190 Jahre später zur Eskalation gekommen ist.
Vorurteile führen immer zu „Aggressivität, Rachelust, Mordlust“ (ebd. S. 195.), welche sogar in Pogromen ausarten können, wie es im Dritten Reich geschehen ist. Lessing war dies schon mit 20 Jahren bewusst, und er ist für viele heute der angesehenste deutsche Aufklärer und Schriftsteller. Antisemiten bezeichnen ihn als „Halbjude und Judengenosse“ (Wilfried Barner, Hrsg. u.a.: Lessing: Epoche, Werk, Dichtung. München 1977. S. 369.), doch seine Verdienste um die Judenemanzipation werden bis heute höher geschätzt als jede schlechte und ungerechtfertigte Kritik an seinem Tun und Handeln.
Lessings Die Juden haben mich persönlich sehr angesprochen und zum Nachdenken gebracht. Deshalb habe ich sie auch für diese Arbeit ausgewählt. Ich halte dieses Lustspiel für ein zeitloses Beispiel dafür, wie Vorurteile entstehen, wirken und wie schwierig sie aus der Welt zu schaffen sind. Es ist erstaunlich und erschreckend zugleich, dass es in 250 Jahren nicht an Aktualität verloren hat.

Feuerfeder, 2002

Undine

Das Kunstmärchen Undine von Friedrich de la Motte Fouqué ist dieses Jahr 200 Jahre alt geworden und hat in zwei Jahrhunderten nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Trotz meiner Vorliebe für die Romatik habe ich dieses Werk während meines Studiums sträflicherweise nicht gelesen. Durch die Reportage einer Kollegin bin ich darauf aufmerksam geworden und holte ich diese knapp 100-seitige Pflichtlektüre für Romantiker augenblicklich nach. Dass Fouqué seine Inspiration zu der Geschichte aus einer unglücklichen Liebe, die er als junger Offizier, nicht weit von Bückeburg entfernt, an dem Julianensee bei Röcke, gezogen haben soll, machte die Lektüre umso spannender. Eine Skulptur am Steinhuder Meer erinnert zusätzlich an die Erzählung.
Die Meerjungfrau Undine findet ihre große Liebe in einem Ritter und erhält somit eine Seele, die einem Wasserwesen normalerweise nicht zu eigen ist. Durch eine Konkurrentin eskaliert die Beziehung und das Unausweichliche passiert. Sie muss ihren Gemahl nach den Gesetzen ihrer Welt töten. Das Unheil deutet sich früh an und es ist auch nicht wichtig, wie die Erzählung ausgeht, sondern wie der Leser die Hoffnung von Seite zu Seite nicht aufgeben will und beständig das Glück der lebenslustigen, leidenschaftlichen und unwiderstehlichen Undine aufrecht erhalten will. Das wehe Bangen, das den Leser bei der Lektüre begleitet, ist charakteristisch für romantische Märchen, die selten gut ausgehen.

Feuerfeder, 16. Oktober 2011

Von Venedig nach China 1271 – 1292

Marco Polo war nicht der erste Europäer, der bis nach China reiste, aber durch seine Reiseberichte wurde der venezianische Händler bekannt. Ich kann nachvollziehen, dass die Beschreibung von Ländern, die weit jenseits der damals bekannten Welt liegen, vor mehreren hundert Jahren noch für Aufregung sorgte. Wer allerdings eine Abenteuergeschichte nach heutigen Vorstellungen erwartet, wird leider enttäuscht. Marco Polos Berichte sind wirklich nur Berichte. Wenn man zum 20. Mal zu Beginn eines Kapitels den Satz „Die Einwohner dieser Stadt sind Götzenanbeter und leben vom Handel“ liest, muss man sich schon überwinden, weiter zu lesen. Es liest sich ähnlich trocken wie Caesars „Bellum Gallicum“.
Persönliche Erfahrungen schildert Marco Polo so gut wie nie. Wer allerdings auf detaillierte Beschreibungen von Kannibalismus oder Hinrichtungsritualen steht und wer historisch an einer 700-Jahre alten Sichtwiese auf eine unbekannte Welt interessiert ist, kommt bei diesem Buch voll auf seine Kosten.

Feuerfeder, 23. Mai 2011

Effi Briest

Dieser Roman von Theodor Fontane erschien in Buchfassung erstmals 1896. Ich hatte sehr verschiedene Meinungen von diesem Buch gehört; vom schlechtesten Buch aller Zeiten bis hin zum Lieblingsbuch. In der Tat zog sich meine Lektüre der nur 270 Seiten umfassenden Geschichte ein wenig hin. Wenig Spannung und der naive Tonfall sowohl der Protagonistin, als auch des Erzählers waren Schuld daran.
Erst auf Seite 150 entspann sich ein spannender Dialog zischen Ehefrau und Ehemann. Das Thema war zwar das Richtige, aber die Situation eskalierte noch nicht, erst Jahre später.
Was mich an dem Buch stört ist, dass die gravierenden Ereignisse vom Autor ausgespart wurden. Natürlich lag das in Fontanes Intention, aber was gibt es für den Leser spannenderes zu schildern als eine Affäre und ein Duell. Stattdessen fragt sich der Leser, ist es jetzt wirklich passiert oder nicht?
Allerdings verdichtet sich die Handlung bis zum Ende und die Tatsache, dass niemand der Schuld und alten Sünden entrinnen kann, hat Fontane dem Leser dann überaus konsequent und erbarmungslos beigebracht. Die Moral, dass jeder von seinen Sünden eingeholt wird und die Gesellschaftskritik des Kaiserreichs stehen meiner Meinung nach für Fontane im Vordergrund des Werkes, nicht die direkte Geschichte um das Tun und Handeln der Personen.

Feuerfeder, 11. März 2011

Der Dunkle Turm

„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.“

Als ich diesen „ersten Satz“ der Saga zum ersten Mal las, wusste ich, dass mir eine Abenteuerreise bevorstand. Aber welches Ausmaß dieses Abenteuer haben und wo es mich hinführen wird, hätte ich nie für möglich gehalten.

Stephen Kings Schreibphase der ganzen Geschichte erstreckte sich vom 19. Juni 1970 bis zum 7. April 2004. Die Reise ist insgesamt sieben Romane und rund 4500 Seiten lang. Aus den einzelnen Romantiteln Schwarz, Drei, Tot, Glas, Wolfsmond, Susannah und Der Turm wird man noch weniger schlau als aus dem gesamten Titel. Handelt es sich um einen echten Turm im herkömmlichen Sinne oder ist er im übertragenden Sinne zu verstehen? Trotz zahlreicher Hinweise lässt Stephen King die Bombe selbstverständlich erst am Schluss hochgehen.

Mehr als 4000 Seiten im Ungewissen zu bleiben kann die härteste Geduldsprobe, aber auch der Funken sein, der die Spannung bis zum Schluss fast unerträglich aufrechterhält. Nun, bei mir war es beides. Ich habe die Bücher oft für Monate und Jahre aus der Hand gelegt und genau 14 Jahre für die Lektüre gebraucht.

Der Grund, warum man den Anschluss immer wieder gut findet ist, dass Stephen King oft auf die Handlung zurückblickt. Manchmal kam es mir so vor, als wenn er es dem Leser mit Absicht leicht machen will, der Geschichte zu folgen, aber überwiegend sind es zwingende Rückblenden, um einen Zusammenhang zwischen den Romanen herzustellen. Der vierte Roman Glas besteht praktisch nur aus der Jugenderzählung der Hauptfigur.

Protagonist ist Roland, der Revolvermann. Er wuchs in einer Welt auf, die auf den ersten Blick nach dem Wilden Westen aussieht. Allerdings gibt es in dieser Welt zerstörte und ausgestorbene Orte, deren Technik, bzw. deren Überreste, der unsrigen weit voraus ist. Man vermutet also, dass Roland in weiter Zukunft geboren wurde, als die Welt, die wir kennen, schon lange nicht mehr existiert; Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende. Allerdings gibt es in Rolands Welt Türen, die in andere Welten führen, unter anderem in unsere. Doch anstatt sich heimisch zu fühlen, sobald die Erzählung unserer Welt erreicht, überfällt den Leser ein unbehagliches und schauderhaftes Gefühl. Zum Einen liegt es daran, dass es für Roland immer eine enorme Gefahr darstellt, in andere Welten zu gehen, zum Anderen daran, dass es nie sicher ist wo er landet, wenn er wieder zurückgeht.

Der dunkle Turm „soll“ nun der Mittelpunkt aller Welten sein. Er hält alles zusammen, Zeit sowie Raum. Er steht auf mehreren „Balken“, die alle Welten durchlaufen und sich im dunklen Turm kreuzen. Allerdings droht der Turm einzustürzen, weil mehrere Balken zerbrochen sind. Rolands Lebensziel ist es, den dunklen Turm zu erreichen, ihn und retten. Auf seiner Reise, die fast sein ganzes Leben dauert, zieht er sich durch die Türen mehrere Gefährten aus unserer Welt in seine „sterbende“ Welt. Er findet drei Gefährten in New York; und zwar in den 1960er, 70er und 80er Jahren. Alle haben besondere Fähigkeiten und alle braucht er, um sein Ziel zu erreichen.

Der Leser erfährt im fünften Roman, dass es auch möglich ist, ohne Türen und ungewollt zwischen den Welten zu reisen. Die Unterschiede sind oft minimal und gleichzeitig bedeutend, welcher Kopf beispielsweise auf einem Ein-Dollar-Schein abgebildet ist. Das Raum und Zeit aus den Fugen sind, bekommt der Leser an keiner anderen Stelle so deutlich zu spüren wie hier.

Ob Roland sein Ziel erreicht und ob er den Turm und die Welt retten kann, muss jetzt jeder selbst herausfinden. Wer auf Fantasy und Horror der abgedrehtesten Sorte und auf Abenteuer der aufregendsten Art steht, ist mit dem Dunklen Turm auf dem richtigen Weg. Viel Geduld, Schauder, Trauer und Entsetzen beim Lesen wünscht Euch Eure

Feuerfeder, Bückeburg, 26. Januar 2011

Gotthold Ephraim Lessing

Lessing, heute ist sein 282. Geburtstag, war meiner Ansicht nach der bedeutendste Dichter und Denker der Aufklärung. Kein Literaturstudent kommt an diesem Schriftsteller mit dem etwas befremdlichen Namen vorbei; erst recht nicht, wenn man in Braunschweig studiert.

Auf seine großen Werke wie die Briefe, die neueste Literatur betreffend oder die Hamburgische Dramaturgie will ich hier nicht eingehen. Es sind seine Dramen, die Lessing auszeichnen und die mehr Erziehungs- und Lehrwert haben als eine ganze Schulreform. Nathan der Weiser haben wahrscheinlich die Meisten schon in der Schule durchgenommen. Seine weiteren großen Dramen wie Emilia Galotti, Minna von Barnhelm und Miss Sara Sampson sind aber weitaus geeigneter, um menschliches Leid nachzuempfinden und daran zu wachsen. Darum geht es bei der geistigen Aufklärung, und diese hat Lessing wie kein anderer bereichert.

Ich kam nicht umhin, mich jedes Mal leicht zu verneigen, wenn ich mit dem Bus an Lessings Denkmal in Braunschweig vorüber fuhr. Auch sein dortiges Grab in habe ich oft besucht. An der Wolfenbütteler Bibliothek, in der Lessing als Bibliothekar tätig war, und dem dortigen Lessing Haus kommt man als Braunschweiger Student ebenfalls nicht vorbei. Dort spürt man praktisch die Geschichte.

Obwohl Lessings Dramenstil zu Goethes und Schillers Zeiten bereits überholt war, kommt es bei ihm nach wie vor auf den Inhalt an. Es lohnt sich immer, ein Theaterstück Lessings wieder zur Hand zu nehmen und nochmals zu lesen. Bei jedem Lesen lernt man etwas Neues.

Feuerfeder, Bückeburg, 22. Januar 2011

Roßhalde

Dieser Roman von Hermann Hesse erschien 1914 und ist der kürzeste Roman, den ich je gelesen habe. Die weniger als 160 Seiten machen die Roßhalde zu einer angenehmen und wenig zeitaufwendigen Lektüre.

Die Bezeichnung Eheroman trifft es meiner Meinung nach nicht ganz, weil von Hesse schließlich ein komplettes Familienportrait entworfen wird und auch die Kinder eine überaus wichtige Rolle spielen. Familienroman klingt daher passender.

Roßhalde ist ein altes Herrschaftshaus, das von einem Künstler aufgekauft wird und der hier mit seiner Familie lebt. Allerdings ist die Ehe schon zu Beginn der Handlung gescheitert. Der Künstler lebt schon lange in seinem Atelier in einem Seitengebäude. Der älteste Sohn studiert  auswärts und kommt über die Sommerferien nach Hause. Ein Freund des Künstlers ist einige Tage zu Besuch und versucht den unglücklichen Ehemann zu einer Reise zu sich nach Hause, nämlich nach Indien, zu überreden.

Mittelpunkt der Handlung ist jedoch der jüngste Sohn, der noch nicht zur Schule geht und der das einzige verbliebene Bindeglied zwischen den Eltern darstellt. Er ist aber auch Streitpunkt. Keiner der Partner will auf ihn verzichten und somit die Trennung endgültig vollziehen.

Reist der Vater nach Indien und finden Vater und Mutter durch eine Krankheit des Kleinen wieder zueinander? Das will ich hier nicht beantworten.

Feuerfeder, Bückeburg, 14. Januar 2011

Kater Murr

Der Roman mit dem vollständigen Titel „Lebensansichten des Kater Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ von E.T.A. Hoffmann erschien 1819 und 1821 in zwei Teilen und ist in vielerlei Hinsicht ein Musterbeispiel romantischer Literatur zu nennen.

Die Hauptfigur des Romans ist ein Kater namens Murr, der sich durch die Bücher seines Besitzers, dem Gelehrten Meister Abraham, und indem er den Lippenbewegungen desselben folgt, eigenständig das Lesen und anschließend auch das Schreiben beibringt. Meister Abraham weiß nichts davon und selbst ein auf den Kater aufmerksam gewordener Freund des Meisters, der ihm eindeutige Beweise für das Können Murrs liefert, kann ihn von der scheinbaren Absurdität nicht überzeugen.

Murr schreibt nun seine Lebenserinnerungen auf, die unmittelbar nach der Geburt einsetzen. Seine Mutter geht ihm verloren, aber durch die gute Pflege seines Meisters gedeiht er zu einem prächtigen Kater. Sämtliche Lebensstadien wie seine „Jugendmonate“ und wie er ein „tüchtiger Katzbursch“ wird, führt er lebhaft zu einer schillernden Abenteuergeschichte aus. Burschenschaftsähnliche Saufgelage, Duelle und die erste Liebe dürfen dabei nicht fehlen. Viele Szenen spielen sich bei Nacht ab und unterstreichen den düster romantischen Charakter der Erzählung.

Die Besonderheit des Buches ist allerdings die scheinbar parallel verlaufende Geschichte des Kapellmeisters Johannes Kreisler. Murr hat eine bereits gedruckte Biografie eines Freundes Meister Abrahams, nämlich die Kreislers, ignorant zerfetzt und für sein eigenes Werk als Löschpapier und Unterlage benutzt. Die herausgerissenen Seiten anschließend zu entfernen, schenkt sich Murr allerdings. So kam die doppelte Geschichte zustande.

Hätte sich Murr die Mühe gemacht, einige seiner Löschpapierseiten zu lesen, hätte er bemerkt, dass es noch ein sehr junges Werk gewesen sein muss, weil sein Meister und sogar er selbst darin vorkommen.

Auf Kreislers Biografie möchte ich hier nicht näher eingehen. Sie trägt teils tragische Züge und kommt einem verworrenen Entwicklungsroman wohl am nächsten. Auch dieser trägt eindeutig romantische Züge wie z.B. Personen, die nicht um ihre wahre Identität bis zum Schluss der Erzählung wissen. Murrs Geschichte könnte man als umgekehrten Bildungsroman nennen, weil er von einem Fettnäpfchen ins nächste strauchelt und nie die richtigen Lehren daraus zieht.

Wie fast alle großen romantischen Werke ist auch dieses Fragment geblieben. Auch wenn der zweite Teil des Romans in sich abgeschlossen ist und nicht mitten in der Handlung abbricht, das erlebt der Leser häufig genug beim Übergang von einer Erzählung in die andere, so hatte Hoffmann einen dritten Teil geplant, zu dessen Ausführung er nie kam.

Faszinierend für mich war die Tatsache, dass man manchmal, unterbricht man seine Lektüre für einige Tage, nicht wusste, in welcher Geschichte man gerade liest. Ein Beispiel:

Es ist die Trauerfeier des besten Freundes des Protagonisten. Der Tote wird von seinen männlichen Freunden mit allen Ehren bestattet und die üblichen Trauerlieder werden gesungen. Anschließend dürfen sich die Frauen dem Grab nähern und Blumen niederlegen. Es wird ordentlich geschmaust und gezecht, wobei sich der Protagonist bis über beide Ohren in eine junge Schönheit verliebt. Gerade noch zur rechten Zeit kommt seine verflossene Liebe dazu und gesteht ihm, dass er gerade dabei ist, sich in seine eigene Tochter zu verlieben. Da erstarrt der unwissende Vater.

Murrs erste Liebe hatte Früchte getragen!

Feuerfeder, Bückeburg, 5. Januar 2011

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